Der einstige Sendemast von Konstantynow – das höchste jemals errichtete Bauwerk

 

 

English version: http://gabinmast.ga.funpic.de/konstantynow_e.htm

 

Inhaltsverzeichnis

 

Das höchste Bauwerk der Welt 1

Gegen Erde isolierte Sendemasten. 2

Der Sendemast Konstantynow.. 2

Der Einsturz des Sendemasten Konstantynow.. 7

Die höchsten Bauwerke der Welt und in Europa heute. 9

Quellen. 10

 

 

Das höchste Bauwerk der Welt

 

Wenn man nach dem höchsten Bauwerk der Welt fragt, so erhält man als Antwort häufig „Taipeh 101“ oder „CN Tower“. Dies stimmt allerdings nur, wenn man sich auf freistehende Bauwerke beschränkt. Berücksichtigt man auch Türme, die mit Hilfe von Seilen verankert sind, so ist der 1963 errichtete 628 Meter hohe KVLY-Sendemast in Fargo, North Dakota das höchste Bauwerk der Welt.

Allerdings gab es von 1974 bis 1991 in der Nähe der polnischen Kleinstadt Gabin, ca. 96 Kilometer nordwestlich von Warschau einen Turm, der selbst diesen Riesen noch überragte und zwar war dies der 646 Meter hohe Sendemast des Langwellensenders Konstantynow.

 

Der Sendemast Konstantynow von Weitem (Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Warsaw_radio_mast )

 

Gegen Erde isolierte Sendemasten

 

Im Unterschied zu Fernsehtürmen und Handymasten, die lediglich Träger von Sendeantennen sind, diente, wie bei vielen anderen Sendetürmen für Lang- und Mittelwelle auch, die gesamte Konstruktion des Sendemasten Konstantynow als Sendeantenne.

Für diesen Zweck muß in vielen Fällen eine Mastkonstruktion verwendet werden, welche gegen Erde isoliert ist.

Eine solche Konstruktion wird realisiert, in dem der Mast auf einem mächtigen Isolator, dem sogenannten Fußpunktisolator, aufgestellt wird und in dem die Abspannseile mit Isolatoren am Mast befestigt werden.

Häufig sind die Abspannseile noch mit Isolatoren unterteilt, um das unerwünschte Abfließen der Sendeenergie durch diese zu verhindern.

Natürlich bringt ein gegen Erde isolierter und durch den Sendebetrieb unter hoher elektrischer Spannung stehender Sendemast auch einige betriebliche Schwierigkeiten mit sich. So müssen die verwendeten Isolatoren hohen Kräften und zum Teil auch sehr hohen elektrischen Spannungen standhalten können. Kabel zur Stromversorgung elektrischer Anlagen auf einem gegen Erde isolierten Turm, wie zum Beispiel der Flugsicherheitsbeleuchtung oder des Wartungsaufzugs, müssen im Innern der Windungen einer Spule, die parallel zum Fußpunktisolator geschaltet ist und die mit einem ebenfalls zu diesem parallel geschalteten Kondensator einen Sperrkreis für die Sendefrequenz bildet, auf den Mast geführt werden.

Bei Wartungsarbeiten muß zumindest, um dem Personal den Zugang und das Verlassen des Mastes zu ermöglichen, der Sendebetrieb unterbrochen werden. Arbeiten auf dem Mast hingegen sind, sofern sie nicht in der Nähe von Isolatoren stattfinden, während des Sendebetriebs prinzipiell möglich, da wie bei einem Vogel, der auf einer Stromleitung sitzt, keine größere Spannungsdifferenzen an Körperteilen der Arbeiter auftreten können, welche gefährliche Ströme nach sich ziehen.

Natürlich braucht ein solcher Mast, der wegen seiner Höhe ein bevorzugtes Ziel für Blitze darstellt, auch umfangreiche Blitzschutzeinrichtungen. Allerdings würde ein an der Konstruktion angebrachter konventioneller Blitzableiter dazu führen, dass die Sendeenergie wirkungslos in den Boden abfließt. Deshalb befindet sich neben dem Fußpunktisolator eines gegen Erde isolierten Mastes stets eine Funkenstrecke, deren Abstand so gewählt ist, dass bei der maximalen Betriebsspannung kein Überschlag auftreten kann.

Im Fall eines Blitzschlags kommt es zu einer elektrischen Entladung über die Funkenstrecke, welche den Senderausgang kurzschließt. Dies veranlasst eine Automatik kurzzeitig den Sender abzuschalten, was die Entstehung eines Lichtbogens, der die Funkenstrecke zerstören würde, verhindert und schon nach kurzer Zeit die Wiederaufnahme des Sendebetriebs gestattet.

 

Der Sendemast Konstantynow

 

Der Sendemast Konstantynow wurde zwischen 1972 und 1974 von der im polnischen Zabrze ansässigen Firma Mostostal als Sendeantenne für den neuen Langwellensender des polnischen Rundfunks in der Nähe des zu Gabin gehörenden Dorfs Konstantynow bei 52° 22′ 14″ nördlicher Breite und 19° 48′ 23″ östlicher Länge errichtet.

Dieser Standort wurde gewählt, weil er zum einem ziemlich zentral in Polen liegt, so dass der Sender leicht das gesamte Land versorgen kann und zum anderen, weil dieses Gebiet in der Nähe des Flusses Weichsels wegen seines hohen Grundwasserstandes eine gute Bodenleitfähigkeit besitzt, was für die Ausbreitung von Langwellen sehr günstig ist.

Es gibt verschiedene Bauformen von Sendeantennen für Langwellensender, die sich durch verschiedene Bauhöhen der verwendeten Maste (bei gegebener Frequenz) und ihrer Effektivität auszeichnen. Eine Bauart, die besonders effektiv ist, aber insbesondere im Langwellenbereich einen sehr hohen Mast erfordert, ist ein gegen Erde isolierter Mast mit einer Höhe, welche der halben abgestrahlten Wellenlänge entspricht. Eine solche Antenne wurde in Konstantynow realisiert. Da die Sendefrequenz 227 kHz (ab 1988 225 kHz) betrug, ergab sich für den Halbwellenstrahler eine Länge von 660 Metern (Lichtgeschwindigkeit / (2 * Sendefrequenz)).

Jede technisch realisierbare Antenne besitzt einen gewissen Durchmesser. Dieser führt dazu, dass schon eine Antenne, die etwas kürzer ist als die halbe Wellenlänge, das gleiche Verhalten wie ein Halbwellenstrahler zeigt, wobei der exakte Wert dieser Verkürzung auf komplizierte Weise vom Verhältnis aus Antennenlänge und Antennendurchmesser abhängt.

Aus diesem Grund reichte für den Sendemast Konstantynow eine Bauhöhe von 646 Metern aus.

Der Sender, der den Sendemast Konstantynow als Antenne benutzte, gehörte mit 2000 Kilowatt Ausgangsleistung zu den stärksten Sendeanlagen der Welt. Er bewirkte, dass am Mastfuß elektrische Spannungen von bis zu 120000 Volt gegen Erde auftreten konnten, so dass der Mast auf drei Isolatorsäulen, die aus je zwei übereinander angeordneten 2 Meter hohen Porzellanisolatoren bestand, aufgestellt werden mußte.

 

Nahaufnahme des Sendemasten Konstantynow (Quelle: http://jerzyjedrzejkiewicz.webpark.pl/str01/gabin-rcn.html )

 

Der Mast selbst war eine 646,38 Meter hohe Fachwerkkonstruktion aus Stahlrohr, die in 5 Ebenen mit Hilfe von 50 mm dicken Stahlseilen verankert war. Sie war aus 86 Elementen, von denen jedes eine Länge von 7,5 Meter hatte, zusammengesetzt.

Der Turm hatte über seine gesamte Höhe einen gleichbleibenden Querschnitt in Form eines gleichseitigen Dreiecks mit einer Seitenlänge von 4,8 Meter. Die Rohre der Eckstiele besaßen einen Durchmesser von 24,5 Zentimeter. Ihre Wandstärke nahm in Abhängigkeit von der Höhe von 34 mm auf 8 mm ab.

Im Innern der Mastkonstruktion war ein selbstfahrender Aufzug installiert, um den Zugang zu den Flugsicherheitslampen und anderen Teilen des Mastes, die einer Wartung bedurften, zu erleichtern. Dieser Aufzug benötigte ca. 30 Minuten für die Fahrt vom Mastfuß zur Spitze!

Das Gesamtgewicht der Konstruktion betrug 420 Tonnen, hinzu kamen noch einmal 80 Tonnen für Isolatoren und Seile.

 

Sendemast Konstantynow kurz vor Fertigstellung (Quelle: http://jerzyjedrzejkiewicz.webpark.pl/str01/gabin-rcn.html )

 

Maße der Konstruktionselemente.

A – Längsschnitt einer Sektion

B – Außenseite einer Sektion

C – Querschnitt

D – Längsschnitt des Mastfußes

E – Längsschnitt der obersten Sektion

Maße des Mastfußes und der obersten Sektion sind zum Teil Näherungswerte

 

Der Langwellensender Konstantynow war in Polen und den angrenzenden Ländern ganztags leicht zu empfangen. Während der Nachtstunden, wenn Langwellensender wegen ionosphärischer Reflexionen eine große Reichweite haben, konnte dieser Sender häufig auch in Afrika, Asien, Amerika und selbst in Australien empfangen werden.

 

Der Einsturz des Sendemasten Konstantynow

 

Im Sommer 1991 wurden die Abspannseile des Sendemasten Konstantynow ausgetauscht. Als am 8. August 1991 das letzte der drei Seile der obersten Abspannebene ausgetauscht werden sollte, kam es offenbar in Folge von Fehlern bei der Durchführung dieser heiklen Arbeit zum Einsturz der Konstruktion. Da alle Arbeiter zuvor den Mast verlassen hatten, gab es zum Glück keine Personenschäden.

In der Folgezeit wurde gelegentlich gemutmaßt, dass möglicherweise auch Sabotage im Spiel war. Allerdings konnte dies nie belegt werden.

 

Trümmer des eingestürzten Sendemasten Konstantynow (Quelle: http://jerzyjedrzejkiewicz.webpark.pl/str01/gabin-rcn.html )

 

Nach dem Einsturz des Sendemasten Konstantynow übernahm der Sender in Raszyn die Funktion des Senders Konstantynow. Der Sender Raszyn, der 1949 in Betrieb ging, verwendet als Sendeantenne einen 335 Meter hohen, gegen Erde isolierten abgespannten Stahlfachwerkmast, der zum Zeitpunkt seiner Fertigstellung einer der höchsten Sendemasten der Welt war. 1974 übernahm der Sender Konstantynow die Aufgabe des Senders Raszyn, allerdings diente letzterer als Reservesender. Ab 1978 wurde der Sender Raszyn zur Verbreitung eines zweites Programm des polnischen Rundfunks im Langwellenbereich genutzt.

Da der Sender Raszyn aus technischen Gründen nicht auf zwei Langwellenfrequenzen gleichzeitig senden konnte, mußte die Ausstrahlung des zweiten Radioprogramms des polnischen Rundfunks im Langwellenbereich nach dem Einsturz des Sendemasten in Konstantynow eingestellt werden.

Natürlich wollte der polnische Rundfunk nicht auf den Sender Konstantynow verzichten und plante schon bald die Wiedererrichtung des eingestürzten Mastes, nach Möglichkeit in alter Höhe. Nach langem hin und her wurde 1995 der Firma Mostostal der Auftrag zum Wiederaufbau erteilt und es wurde schon damit begonnen, die alten Mastfundamente, die für den neuen Mast wiederverwendet werden sollten, zu ertüchtigen.

Jedoch kam es zu heftigen Protesten der lokalen Bevölkerung, welche durch den Sender ihre Gesundheit in Gefahr sah. Obwohl keines der Gutachten, die man in Auftrag gab, zweifelsfrei beweisen konnte, dass der Sender eine Gefahr für die Bevölkerung darstellen würde und man auch von Seiten des polnischen Rundfunks als Kompromiß anbot, die Sendeleistung von 2000 kW auf 75 kW zu reduzieren, gingen die Proteste unverschärft weiter.

Schließlich musste das Vorhaben, den Sendemast in Konstantynow wieder aufzubauen, aufgegeben werden und ein neuer Standort für die Sendeanlage gesucht werden.

Dieser wurde in Form eines ehemaligen Militärgeländes bei Solec Kujawski gefunden. Da dieses Areal fernab von Siedlungen liegt, waren keine Proteste der lokalen Bevölkerung zu erwarten. 1998 wurde mit dem Bau der neuen Sendeanlage begonnen, am 4. September 1999 erfolgte ihre Einweihung.

Die neue Sendeanlage in Solec Kujawski verwendet als Sendeantenne eine Richtantenne, die aus einem 330 Meter hohen und einem 289 Meter hohen abgespannten Stahlfachwerkmast besteht. Beide Masten sind geerdet und werden über die Abspannseile mit der abzustrahlenden Sendeenergie gespeist.

Seit der Inbetriebnahme des Senders Solec Kujawski dient der Sender Raszyn wieder zur Verbreitung eines zweiten Radioprogramms des polnischen Rundfunks im Langwellenbereich.

 

Der neue Langwellensender in Solec Kujawski (Quelle: http://jerzyjedrzejkiewicz.webpark.pl/str01/gabin-rcn_02.html )

 

Obwohl in Konstantynow heute „Funkstille“ herrscht, sind dort noch immer, mit Ausnahme des Mastes und der Leitung über die dem Mast die abzustrahlende Hochfrequenzenergie zugeführt wurde, noch praktisch alle Bauwerke der einstigen Sendeanlage vorhanden. Selbst die Betonplatte auf welcher einst der höchste Mast der Welt stand und die Ankerblöcke, an denen seine Abspannseile befestigt waren, existieren noch.

 

Luftaufnahme der Stelle, an der einst der 646 Meter hohe Sendemast von Gabin stand (Quelle: http://212.244.179.188/website/Orto/viewer.htm ). Oberhalb des Buchstabens „i“ des Wortes „Gabin“ erkennt man eine kreisrunde Betonplatte. Diese war einmal das Fundament des höchsten Bauwerks der Welt!

 

Die höchsten Bauwerke der Welt und in Europa heute

 

Seit 1991 ist wieder der KVLY-Sendemast in Fargo, North Dakota mit 628 Metern Höhe das höchste Bauwerk der Welt. Er wird voraussichtlich 2008 diesen Titel an den im Bau befindlichen Wolkenkratzer Burj Dubai in Dubai, der eine Höhe von 705 Metern erreichen soll, abgeben müssen (der exakte Wert der geplanten Höhe des Burj Dubais wird geheim gehalten).

Das höchste Bauwerk in Europa außerhalb der GUS-Staaten ist der 1963 errichtete 412 Meter hohe Langwellensendemast in Hellissandur auf Island, der übrigens wie der einstige Sendemast Konstantynow gegen Erde isoliert ist.

Im EU-Gebiet ist der 1965 fertiggestellte UKW- und Fernsehsendemast in Donington-on-Bain in der englischen Grafschaft Lincolnshire das höchste Bauwerk und den polnischen Hochbaurekord hält seit 1991 der 1978 errichtete UKW- und Fernsehsendemast mit 360 Metern. Zumindest die europäischen Rekorde werden wohl auf absehbare Zeit Bestand haben...

 

Sendemast Olsztyn-Pieczewo ( Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/FM-_and_TV-mast_Olsztyn-Pieczewo )

 

Quellen

http://www.zb.eco.pl/gb/19/gabin.htm

http://de.structurae.de/structures/data/index.cfm?id=s0000672

http://jerzyjedrzejkiewicz.webpark.pl/str01/gabin-rcn.html

http://jerzyjedrzejkiewicz.webpark.pl/str01/galerie/rcn/index_05.html

 

Ergänzungen und Kommentare bitte an Harald_der_Grosse@gmx.de